
Irgendwann muss ich doch eingenickt sein, geliebte Erika. So hab ich mich gestern gar nicht von dir verabschiedet. Aber zumindest hab ich ein paar Stunden geschlafen.
Mein Frühstück dauert eh ein wenig länger, weil ich mein Wasser nun immer abkochen muss, bevor ich es trinke. Die stinkende Plörre, die sich von dem sogenannten Modder kaum unterscheidet, würde ich am liebsten gar nicht trinken. Aber verdursten will ich auch nicht, deshalb hab ich das Wasser gefiltert und abgekocht. Jetzt warte ich gerade, bis es sich soweit abgekühlt hat, dass ich es umfüllen oder trinken kann.
Also hab ich noch ein wenig Zeit meinen Bericht weiterzuschreiben:
Während die Säerin sich mit den Wächtern beriet, kamen die Druiden ganz aufgeregt zu meinem Herren. So aufgeregt ehrwürdige, alte, weißbärtige Männer eben seien können.
Sie hatten herausgefunden, dass die Aeonenlinie sich durch den Vorfall mit dem abhandengekommenen Urtum verschoben hatte und sie hatten unweit des Maporilager eine neue Schnittstelle gefunden.
Die Alchemisten hingegen hatten herausgefunden, dass man mit Unmengen an Wasser dem schillernden Schleim zu Leibe rücken konnte. Also hatten alle, die eh nur untätig herumsaßen eine Kette zum Bach gebildet und es wurde nun Wasser geschöpft.
Als die Säerin wieder in unsere Mitte trat, war der Stumpf des verschwundenen Urtum soweit vom diesem Modder befreit, dass man die Ausmaße der Zerstörung nun vollends erblicken konnte. Und rings um den Stumpf hatte sich eine riesige Schlammlache gebildet.
Mit Tränen in den Augen wankte die Säerin zu dem Stumpf hinüber und kurz bevor sie zitternd auf die Knie stürzen konnte, fing mein Herr sie auf, riss sich seinen Umhang vom Hals und bevor er mit ihr zusammen in den Matsch sank, warf er seinen Umhang vor sich auf den Boden.
Er flüsterte ihr zu: ‘Wir wissen nicht, ob dieser leuchtende Schleim auch für euch gefährlich ist.’
Einer der Mapori kam zu ihnen hinüber und brachte ihr ein Pflänzchen: ‘Anemone, schau wir haben das Pflänzchen hier retten können. Sie nennen es Blutströpfchen. Aus dem Blütenstaub und dem Nektar kann man einen Trank machen, der Blutungen stillt und Schmerzen lindert.’
‘Taxus, mein Dank ist deiner!’ flüsterte die Säerin und nahm das Pflänzchen an sich.
‘Was sich der Aeon des Krieges alles für seine Mannen einfallen lässt.’ rief mein Herr und blickte die Säerin an.
Sie versuchte zu lächeln, doch ihr Blick ging blitzschnell wieder auf den Boden, als sie sah wie sich der Stoff des Mantels unter ihren Knien langsam auflöste.
Sie sprang auf, dabei fiel ihr das Pflänzchen aus der Hand und sie zerrte meinen Herren vom Mantel. Mein Herr hatte das Pflänzchen aufgefangen, verlor es gleich wieder, dabei kamen sie kaum zum Stehen und drohten wieder in den Schlamm zu fallen. Und nun kam ich ins Spiel ich warf mich mit meinem ledernen Schurz zu Boden, so dass sie zwar nicht weicher fielen, doch sicherer lagen als auf dem Leinenmantel meines Herren und ich fing sogar das arme kleine Blutströpfchen auf.
Der Schreiber stand an den Überresten des Mantels und fragte: ‘Herr, aus welchem Material war der Mantel?’ Dann stocherte er im Matsch herum. Taxus hatte mir das Blutströpfchen mittlerweile wieder abgenommen und blickte mich grimmig an. Als ob ich mit meinen groben Fingern das Pflänzchen zerdrückt hätte. Den Mapori kann man es ja wirklich nicht recht machen.
‘Er war aus edelsten Leinen gefertigt und meine Schwester hatte Nächte lang unser Wappen drauf gestickt.’ meinte mein Herr und versuchte sich aufzurappeln, um dann der Säerin aufzuhelfen.
‘Das Wappen ist noch da!’ rief der Alram.
Sein Mantel hatte sich mittlerweile vollends aufgelöst, dass Einzige was übrig blieb, waren die Fäden der Stickerei, der lederne Kragen und die metallene Schließe.
‘Sie hat es aus Seidenfäden gestickt, die ich ihr von meinen Reisen mitgebracht hatte!’ rief mein Herr eher beiläufig, da die Saerin wieder ins Straucheln kam. Er stürzte wieder auf die Knie und sie fiel in seinen Schoss.
‘Ich glaube der Schleim hat es auf alle Pflänzchen abgesehen.’ keuchte sie und zog schmerzerfüllt ihren ledernen Rock ein wenig hoch.
Taxus stand wieder neben ihnen und hatte einen Eimer mit Wasser in den Händen. ‘Auch wenn mich euer Zorn treffen wird, gießen ist das beste Mittel gegen den gefräßigen Schleim!’
Als sie ihre Knie freigelegt hatte, konnte man die Ausmaße sehen, was man an ihrem schmerzerfüllten Gesichtsausdruck schon hätte erahnen können. Der Schleim hatte sich selbst im verwässerten Zustand durch ihre Haut gefressen.
‘Taxus, ich erlaube dir mich zu gießen.’ zischte sie zwischen ihren geschlossenen Zähnen hindurch.
Taxus nickte und goss ihr das Wasser aus dem Eimer über die Knie. Dann kam einer der Alchemisten meines Herren angerannt. Ich glaube es war Fendrich Schweser Kopfmüller.
‘Mein Herr, das habe ich befürchtet. Ich habe bereits versucht den Mapori zu erklären, dass es besser wäre mit ledernen Schuhen über den Morast zu laufen. Leder greift der Schleim nicht an.’ Dann pfiff er und fuchtelte mit den Armen. ‘Herr, bitte tragt sie ein Stückchen weiter von diesem Schlamm fort.’ Dann machte er eine ehrerbietige Pause und fuhr fort. ‘Werte Rose der Mapori erlaubt uns bitte Euch auch die Füße zu waschen!’
Sie nickte nur, bevor ihr die Sinne schwanden und als sie wieder erwachte, lag sie fern ab vom Stumpf des zerstörten Urtums unter einem aufgespannten Tuch auf einer Bahre.
Ich war indes unterwegs gewesen meinem Herren eine neue Hose zu besorgen, weil seine Alte ihm schier vom Körper gefallen war und kam genau in dem Moment wieder zu meinem Herren, als sie wieder erwachte.
Doch ich wollte sie nicht stören. Mein Herr wusch ihr gerade die Füße und Taxus half ihr dabei sich langsam aufzurichten. Ihre Knie waren in saubere Tücher gewickelt. Taxus hatte mittlerweile lederne Handschuhe an.
‘Ich denke euch habe ich die Erlaubnis nicht gegeben!’ zischte sie meinen Herren an. Mein Herr lies blitzschnell den Schwamm fallen und lies dann ihre Füße ganz langsam ins Wasser zurück sinken, dabei fing er an zu stottern: ‘Verzeiht meine Dreistigkeit und verzeiht vor allem meinen Aufzug, ich hatte nur Euer Wohl im Sinn.’
Hätte er es nicht gesagt, dann hätte sie es wahrscheinlich gar nicht bemerkt, dass er nur in seiner seidenen Bruche vor ihr kniete.
‘Verzeiht werte Rose der Mapori, ich traute mich nicht eure Füße zu wässern, weil eure Mapori mich so grimmig ansahen, als ich den Schwamm ergriff.’ rief der Alchemist.
Sie blickte sich um und da einige ihrer Mapori, die ebenfalls unter dem Sonnensegel lagen, bereits behandelt wurden, nickte sie ihm zu. Aber dann zog sie eine ihrer grünen Brauen hoch und blickte Taxus an.
Taxus begann ungefragt einfach zu reden: ‘Ich saß die ganze Zeit hier und habe über Euch gewacht und darauf geschaut, dass die Herren hier nichts Unziemliches trieben. Nun ist es so, der Schleim greift alles Pflanzliche an, auch wenn es bereits entwurzelt und verarbeitet ist. Deshalb kniet unserer verehrter Quain hier in seinem Untergewand. Dann haben wir heraus gefunden, dass der Schleim auch keine Magie mag...’
Die beiden Wächter standen plötzlich vor ihr und nickten.
Sie schüttelte den Kopf und blickte in die Runde. Quain stand auf und ging rückwärts, bis er gegen mich lief. Ich drückte ihm seine wollene Hose in die Hand. Er schüttelte ebenfalls seinen Kopf und ging weiter rückwärts.
Am Ende blickte sie Taxus an, der bereits auf gestanden war.
‘Es ist an der Zeit!’ meinte die Säerin völlig überflüssig. Alle die im Umkreis standen hatten gehört, was die Wächter sagten, obwohl diese ihre Lippen nicht bewegt hatten.
Die Säerin machte Anstalten aufstehen zu wollen, doch die Verbände hinderten sie daran. Beim nächsten Schritt stolperte sie über den Wassertrog, in dem sie bis eben noch ihre Füße hatte. Mein Herr zog sich in diesem Moment endlich seine Hose an, deshalb war es an mir die Säerin aufzufangen.
Sie blickte mich völlig entsetzt an, doch ich grinste ihr entgegen und hob sie aus der Wanne und stellte sie auf beide Beine. Wie leicht sie war. Die Wächter in meinem Rücken dachten etwas, was über meinen Kopf hinwegflog und mir dabei einen kalten Schauer über den Rücken gefrieren lies.
‘Mein Herr hat mich auch gebeten euch lederne Schuhe zu bringen!’ meinte ich und zog die Schuhe aus der Tasche. Es war gar nicht so einfach so kleine Schuhe aufzutreiben, ich hoffe Erika du verzeihst mir mittlerweile, dass ich deine Schuhe mitgenommen habe. Ihr hattet beide die selbe Schuhgröße. Ich war sehr in Eile und ich wollte dich nicht wecken!
Ich durfte dann der Säerin die Schuhe anziehen und mein Herr war mittlerweile auch wieder vollständig bekleidet. Bevor ich fortfahren kann, muss ich aber dann mal los…
… in der Dämmerung begannen nun endlich die Vorbereitungen für das Ritual, an der Stelle, die die Druiden gefunden hatte. An der Stelle wo sich nun die Energielinien kreuzten. Der Platz wurde gereinigt, gesegnet und alle Ingredienzien wurden bereit gestellt. Es wurde ein Ring aus Kriegern der Mapori gemischt mit unseren Kriegern aus nahezu allen Lagern mit dem Rücken zum Ritualplatz aufgestellt. Nur einige wurden mit dem Gesicht zum Ritualplatz platziert, darunter waren mein Herr, seine Druiden, ein paar Magier, der Fendrich und Taxus und der Botaniker. Ich stand mit meinem Herren Rücken an Rücken. Die Säerin pflanzte zu jedem unsere Füße einen Samen in den Boden, einen äußeren Kreis und einen inneren Kreis. Die beiden Wächter kamen mit dem Jungen Juniper in die Mitte geschritten. Ich hatte ihn nur kurz gesehen, als die beiden Wächter mit ihm an mir vorbei geschritten waren.
Das was bei den beiden Wächtern irgendwie völlig selbstverständlich war, fiel mir nun wie Schuppen von den Augen. Sie redeten nicht. Ja, das taten sie wahrlich nicht. Und jetzt wo sie den Jungen Juniper an mir vorbei führten, war es wie ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, dass sich im Laufe der Jahre ihr Mund mit Wurzelwerk verschlossen hatte. Weil sie so nah am Baum waren, dass man sie kaum mehr davon unterscheiden konnte. Nein, sie hatten ihm den Mund mit Wurzelwerk zugenäht.
Juniper hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden und tat, was man von ihm erwartete. Stumm, bis zu seinem Lebensende.
Flankiert von den beiden Wächtern kniete er sich auf den Boden. Er hatte einen abgenutzten Holzscheit und fing an ein kleines Loch auszuheben. Dann wurde der Leichnam des Wächters in den Kreis gebracht und die beiden Wächter gruben eine große Grube. Als die Beiden mit der ersten Grube fertig waren, grub einer der Beiden eine zweite Grube und der andere Wächter schritt den inneren Kreis ab und seine Gedanken schwappten in unsere Köpfe. Die Säerin wiederholte seine Worte, wiedermal völlig unnötig, hatte wir seine Aufforderung doch bereits vernommen. ‘Blut von eurem Blute…!’
Als der Wächter an meinem Herrn vorüberging versuchte mein Herr einen Schritt nach vorne zu machen, doch der Samen zu seinen Füßen hatte bereits gekeimt und die Triebe schlangen sich um seine Füße, so dass er nicht weitergehen konnte. Er wehrte sich gegen die Wurzeln und fiel dabei auf die Knie. Ich linste nach hinten und sah, dass die Säerin zu ihm hinüber getreten war, sie strich ihm über die Wange und nickte ihm zu.
Die Wächter waren mittlerweile weitergegangen. Einer nach dem Anderen wurde von den Wurzeln in die Knie gezwungen. Bei dem einem oder anderen Druiden zögerten die Pflanzen.
So wie es kommen musste, waren sie beim Botaniker angekommen. Er strich sich ganz ruhig die Ranken von den Beinen und schritt in den Kreis, um seine Grube zu graben.
Mein Herr konnte aus seiner derzeitigen Position nicht entfliehen und musste mit ansehen, wie sein Botaniker sein eigenes Grab schaufelte. Als er fertig war, stellte er sich hin und blickte den Wächter zu seiner Linken an, zwischen Ihnen lag der Leichnam des Wächter des abhandengekommenen Urtum und der junge Juniper und der andere Wächter, der übrigens Dianthus hieß, hoben den Leichnam in die Grube. Juniper schaufelte liebevoll Erde auf den toten Wächter.
Ich war mittlerweile aufgrund der Ranken auch auf die Knie gesunken und versuchte mich immerzu umzudrehen, um etwas zu erhaschen, was im Kreis geschah. Ich würde es noch bitter bereuen, weil die Genickstarre schleppte ich die nächsten Tage mit mir rum.
Als Juniper fertig war, setzte er einen Samen auf das frische Grab und die Säerin goss den Keim, auf das ein Spross wachsen sollte.
Ich hatte im Übrigen selten so ein wortkarges Ritual erlebt. Nur die Trauergesänge der Mapori Weibchen begleiteten das Geschehen.
Der andere Wächter und der Botaniker ließen jeweils einen Samen in das kleine Loch fallen, dass Juniper zuerst gebuddelt hatte.
Dianthus stellte sich breitbeinig über das Grab seines Freundes und berührte den Botaniker und den anderen Wächter an der Schulter, beide nickten. Dianthus schritt einen Schritt zurück, streckte seine Arme aus und schon schossen Ranken aus seinen Fingerspitzen und durchbohrten den Botaniker und den Wächter.
Mein Herr bäumte sich nochmal auf und versuchte sich von den Ranken zu befreien, doch sie hielten ihn unerbittlich fest. Als das Blut des Botanikers über die Hände des Wächters ran, bettete er die beiden Körper fast schon zärtlich in ihre Gräber. Dabei befreite er die mittlerweile leblosen Körper der beiden freiwilligen Opfer von seinen todbringenden Fingerspitzen. Juniper und Dianthus schaufelten die Gräber zu, setzten jeweils einen Samen ein und legten am Ende selbst die Grasnarbe wieder auf die Gräber. Am Ende blieb nur das kleine Loch übrig, das Juniper vorhin gegraben hatte.
Der Phönix der Asche stand plötzlich vor dem äußeren Kreis und nickte der Säerin zu, er machte sich ein paar Notizen und verschwand wieder.
Nun warf jeder der Beiden auch einen Samen in das kleine Loch und stellten sich links und rechts von dem Loch auf.
Die Säerin goss indes die andern beiden Gräber und schritt dann zu meinen Herren hinüber und wies auf das kleine Loch.
Die Ranken ließen ihn endlich frei, doch er blickte die Säerin fragend an. Sie hielt ihm die Hand hin und gab ihn zu verstehen, dass es nun an ihm war seinen Teil dazuzugeben.
Mein Herr stand mit Tränen in den Augen auf, blickte mich kurz an und ging dann zu Juniper und Dianthus hinüber. Er zog seine Fibel von seiner Tunika und rammte sich die Nadel mehrmals in die Handfläche. Dann ließ er die Fibel einfach fallen und presste seine verletzte Hand zu einer Faust zusammen, bis sein Blut in das Loch tropfte. Die Säerin geleitete ihn an seinen Platz zurück und brachte den Nächsten vor das Loch im Boden.
Es war mittlerweile schon dunkel geworden und so brachte jeder an diesem Abend sein Opfer dar.
Am Ende kam Erde drauf und die Säerin goss die Gaben.
Schrieb ich doch an diesem Tage zweimal in deine Seiten. Nachdem ich die Hälfte dieser Geschichte geschrieben hatte, machte ich mir wieder Notizen über die Wege des Sumpfes. Ich hatte mir auch die Felsformationen in der Ferne ganz genau aufgezeichnet, doch im Morgennebel konnte ich nur eine der Spitzen der Klippe erkennen, die auch am anderen Ende des Sumpfes den Morast begrenzte. Aber das genügte mir.
Ich lief am 11. Tage in den Sumpf und ich war mir nicht sicher, ob ich am Ende dieses Tages immer noch im Sumpf sein würde, oder ob ich diesen Schlamm bereits hinter mir gelassen hatte. Als der 11. Tag verging saß ich immer noch im Sumpf. Es ging alles ziemlich langsam voran, weil der Nebel mich ziemlich behindert hatte.
Ich war am Ende dieses Tages, völlig entkräftet und durchnässt irgendwo angekommen, wo ich zumindest Rast machen konnte, ohne über Nacht im Schlamm zu versinken. Ich versuchte ein kleines Feuerchen zu machen und fing mir widerwillig ein paar Frösche, die gar nicht mal so scheiße geschmeckt haben.
Wie gerne wäre ich bei dir, ich vermisse dein leises Schnarchen.
der Elmar, dein Liebesmetzger